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Cannabinoide 101

Alles, was Sie über Cannabinoide wissen müssen: was sie sind, wie sie wirken und warum sie so bedeutsam sind – von der Pflanzenchemie bis zum körpereigenen Endocannabinoid-System.

Cannabinoide 101

1. Was sind Cannabinoide?

Cannabinoide sind eine Klasse chemischer Verbindungen, die mit einem Netzwerk von Rezeptoren im gesamten menschlichen Körper und Nervensystem in Wechselwirkung treten. Bekannt sind sie vor allem durch ihr Vorkommen in der Cannabispflanze – die eigentliche Geschichte reicht aber weit darüber hinaus.

Allein in Cannabis sativa haben Wissenschaftler über 100 verschiedene Cannabinoide identifiziert. Jedes davon besitzt eine leicht unterschiedliche molekulare Struktur, und genau diese Struktur bestimmt, wie es mit den Rezeptoren im Körper interagiert, welche Wirkung es entfaltet und wie stark diese ausfällt.

Grundsätzlich gibt es drei Arten von Cannabinoiden, und es lohnt sich, den Unterschied von Anfang an zu kennen:

  • Phytocannabinoide werden auf natürliche Weise von Pflanzen gebildet – vor allem von Cannabis sativa, aber auch in geringen Mengen in schwarzem Pfeffer, Sonnenhut und Kakao.
  • Endocannabinoide werden vom menschlichen Körper selbst bei Bedarf produziert – körpereigene Botenstoffe für dasselbe Rezeptorsystem.
  • Synthetische Cannabinoide entstehen im Labor – entweder für pharmazeutische Zwecke oder, in gefährlicher Form, als Partydroge.

Wenn die meisten Menschen von Cannabinoiden sprechen, meinen sie eigentlich Phytocannabinoide – genauer gesagt solche aus Hanf. Die beiden bekanntesten sind CBD (Cannabidiol) und THC (Tetrahydrocannabinol). Mit fortschreitender Forschung rücken jedoch zunehmend auch weniger bekannte Cannabinoide wie CBG, CBN, CBC und THCV in den Fokus von Wissenschaft und Industrie.

2. Wie entstehen Cannabinoide?

Wer versteht, wie die Cannabispflanze Cannabinoide bildet, versteht auch, warum sich Hanfprodukte in Aussehen, Geruch und Wirkung so stark unterscheiden – und warum eine rohe, unerhitzte Hanfblüte andere Verbindungen enthält als ein CBD Öl.

Der Ausgangspunkt: CBGA

Am Anfang jedes Cannabinoids steht die Cannabigerolsäure (CBGA), auch als „Mutter-Cannabinoid“ bezeichnet. CBGA entsteht aus zwei einfacheren Vorstufen, Olivetolsäure und Geranylpyrophosphat, durch eine chemische Reaktion in den Trichomen der Pflanze – jenen winzigen, drüsenartigen Haaren, die Blüten und Blätter bedecken.

Aus CBGA bilden spezifische Pflanzenenzyme drei zentrale saure Vorstufen:

  • CBDA (Cannabidiolsäure) ist die Vorstufe von CBD
  • THCA (Tetrahydrocannabinolsäure) ist die Vorstufe von THC
  • CBCA (Cannabichromensäure) ist die Vorstufe von CBC

CBGA, das nicht von diesen Enzymen umgewandelt wird, kann durch Decarboxylierung selbst zu CBG werden.

Decarboxylierung: Wie Cannabinoide aktiviert werden

In ihrer rohen, natürlichen Form liegen Cannabinoide als Säuren vor. CBDA ist also nicht dasselbe wie CBD, und THCA wirkt anders als THC nicht psychoaktiv. Die Umwandlung von der sauren in die aktive Form geschieht durch Decarboxylierung: Dabei wird eine Carboxylgruppe (COOH) abgespalten und CO₂ freigesetzt.

Dieser Prozess setzt von selbst ein, sobald Cannabispflanzenmaterial:

  • erhitzt wird (Rauchen, Verdampfen, Kochen)
  • über längere Zeit Licht oder Luft ausgesetzt ist (ein langsamerer, allmählicher Prozess)

Deshalb werden CBD Öle aus Hanfextrakt bei der Verarbeitung in der Regel decarboxyliert, damit das CBD in seiner aktiven, wirksamen Form vorliegt. Aus demselben Grund enthalten rohe Hanfblätter, wie sie etwa in Säften oder Kapseln verwendet werden, CBDA statt CBD – und manche Produkte sind gezielt so konzipiert, dass sie die rohe, saure Form bewahren.

3. Das Endocannabinoid-System

Das Endocannabinoid-System (ECS) zählt zu den am weitesten verbreiteten und wichtigsten Regulationssystemen im menschlichen Körper. Entdeckt wurde es allerdings erst Anfang der 1990er-Jahre – wissenschaftlich betrachtet vergleichsweise spät –, weshalb es bis heute weniger gut erforscht ist als etwa das Herz-Kreislauf- oder das Nervensystem.

Das ECS besteht aus drei Hauptkomponenten:

  1. Endocannabinoide sind körpereigene Botenstoffe
  2. Cannabinoidrezeptoren sind Proteine auf der Zelloberfläche, an die Endo- und Phytocannabinoide binden
  3. Enzyme bilden Endocannabinoide bei Bedarf und bauen sie wieder ab, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt haben

CB1-Rezeptoren

CB1-Rezeptoren finden sich vor allem im Gehirn und zentralen Nervensystem, insbesondere in Regionen, die Gedächtnis, Koordination, Schmerzverarbeitung und Appetit steuern. Insgesamt gehören sie zu den häufigsten Rezeptoren im Gehirn überhaupt. Bindet THC an CB1-Rezeptoren, entsteht die typische berauschende Wirkung von Cannabis. CBD hingegen bindet nur sehr schwach an CB1-Rezeptoren, weshalb es keine berauschende Wirkung hat.

CB2-Rezeptoren

CB2-Rezeptoren kommen hauptsächlich im Immunsystem und in peripheren Geweben vor, etwa im Darm, in der Milz, der Leber und der Haut. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Regulierung von Entzündungs- und Immunreaktionen. Substanzen, die gezielt an CB2-Rezeptoren wirken, sind daher besonders für die Erforschung entzündlicher Erkrankungen interessant.

Jenseits von CB1 und CB2

Die Forschung zeigt inzwischen, dass Cannabinoide über die beiden klassischen Cannabinoidrezeptoren hinaus mit einer ganzen Reihe weiterer Rezeptoren interagieren:

  • TRPV1 (transient receptor potential vanilloid 1) ist an der Schmerzweiterleitung und der Regulierung der Körpertemperatur beteiligt. CBD gilt als bekannter TRPV1-Agonist.
  • 5-HT1A (Serotoninrezeptor) spielt eine Rolle bei der Stimmungsregulation und bei Angstzuständen. CBD aktiviert nachweislich diesen Rezeptor, was seine angstlösende Wirkung zumindest teilweise erklären könnte.
  • GPR55, gelegentlich als „dritter Cannabinoidrezeptor“ bezeichnet, ist an Knochendichte, Blutdruck und Schmerzempfinden beteiligt.
  • PPARγ ist ein Kernrezeptor, der an Stoffwechsel, Entzündungsprozessen und Zellwachstum beteiligt ist.

Was das ECS tatsächlich bewirkt

Manchmal wird das ECS als eine Art übergeordneter Regulator beschrieben – ein System, das den Körper im Gleichgewicht hält (Homöostase). Belegt ist seine Rolle unter anderem bei:

  • Schmerz und Entzündung
  • Stimmung und emotionaler Reaktion
  • Gedächtnis und Lernen
  • Appetit und Stoffwechsel
  • Schlafrhythmus
  • Immunfunktion
  • Stressreaktionen
  • Neuroprotektion

Eine wichtige Besonderheit: Anders als die meisten Neurotransmittersysteme arbeitet das ECS rückwärts. Wird ein postsynaptisches Neuron überaktiv, sendet es Endocannabinoide zurück zum präsynaptischen Neuron, um das Signal zu drosseln. Diese retrograde Signalübertragung macht Cannabinoide zu einer Art biologischem Bremssystem – eine Funktion, die so kein anderes System übernimmt.

4. Phytocannabinoide: Die wichtigsten Vertreter

Im Folgenden ein Überblick über die bedeutendsten Cannabinoide in Hanf und der Cannabispflanze im weiteren Sinn.

CBD (Cannabidiol)

CBD ist das dominierende Cannabinoid in legalem Hanf und die am besten erforschte nicht berauschende Substanz der Pflanze. An CB1- oder CB2-Rezeptoren bindet es im klassischen Sinn kaum. Stattdessen beeinflusst es das ECS auf indirektem Weg: Es hemmt das Enzym FAAH (das für den Abbau des Endocannabinoids Anandamid zuständig ist), aktiviert TRPV1- und 5-HT1A-Rezeptoren und wirkt am CB1-Rezeptor als negativer allosterischer Modulator – das heißt, es kann die Wirkung von THC sogar abschwächen, wenn beide Substanzen gemeinsam vorliegen.

Kein anderes Cannabinoid ist so gut erforscht wie CBD. Die solideste klinische Evidenz gibt es bei Epilepsie: Das CBD-Arzneimittel Epidiolex ist von der US-Arzneimittelbehörde FDA für zwei seltene Formen kindlicher Epilepsie zugelassen, das Dravet- und das Lennox-Gastaut-Syndrom. Darüber hinaus untersucht eine umfangreiche präklinische und klinische Forschung CBD bei Angstzuständen, Schlafproblemen, Entzündungen, Schmerzen und im Bereich der Neuroprotektion.

Rechtliche Lage: In der EU dürfen CBD-Produkte aus zugelassenen Hanfsorten als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden, sofern sie den Novel-Food-Vorgaben entsprechen und den national festgelegten THC-Grenzwert (in der Regel 0,2–0,3 %) nicht überschreiten.

THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol)

THC ist das wichtigste psychoaktive Cannabinoid in Cannabis. Es bindet direkt und stark an CB1-Rezeptoren im Gehirn und erzeugt so die für Marihuana typische berauschende Wirkung. In der Hanfpflanze kommt THC nur in Spuren vor. In der EU liegt der gesetzliche Grenzwert bei 0,3 % in der getrockneten Blüte, Endprodukte müssen in der Regel unter 0,2 % bleiben (die genaue Grenze variiert je nach Land).

Trotz seines Rufs wird THC auch ernsthaft medizinisch erforscht: Es ist Wirkstoff in zugelassenen Arzneimitteln gegen Übelkeit (Dronabinol) sowie in der Kombinationstherapie Sativex (im Verhältnis 1:1 THC zu CBD), die bei MS-bedingter Spastik eingesetzt wird.

Rechtliche Lage: In den meisten Rechtsordnungen gilt THC oberhalb festgelegter Grenzwerte als kontrollierte Substanz. In legalen Hanfprodukten ist es nur in Spuren enthalten.

CBG (Cannabigerol)

Als direktes Decarboxylierungsprodukt von CBGA, dem „Mutter-Cannabinoid“, hat sich CBG selbst den Ruf einer Vorstufe erworben. In ausgereiften Cannabispflanzen ist der Großteil des CBGA bereits in andere Cannabinoide umgewandelt, weshalb CBG normalerweise nur in geringen Mengen vorkommt – es sei denn, die Pflanze wurde gezielt darauf gezüchtet. Inzwischen gibt es speziell auf einen hohen CBG-Gehalt gezüchtete Hanfsorten, die eine neue Welle an CBG-Produkten wie CBG Tropfen und CBG Isolat hervorgebracht haben.

CBG wirkt sowohl auf CB1- als auch auf CB2-Rezeptoren und hemmt zudem die Wiederaufnahme von GABA, einem beruhigenden Botenstoff. In der präklinischen Forschung wurden mögliche antibakterielle, entzündungshemmende und neuroprotektive Eigenschaften von CBG untersucht. Klinische Daten am Menschen sind bislang noch begrenzt, nehmen aber zu.

Rechtliche Lage: In den meisten Rechtsordnungen nicht als kontrollierte Substanz eingestuft; in der EU in hanfbasierten Produkten legal.

CBN (Cannabinol)

CBN entsteht, wenn THC im Laufe der Zeit oxidiert – im Grunde handelt es sich um „gealtertes“ THC. Wird Hanfblüte Wärme, Licht oder Luft ausgesetzt, reichert sie mit der Zeit CBN an. Trotz dieser Herkunft ist die psychoaktive Wirkung von CBN sehr schwach, in den in Hanfprodukten üblichen Mengen gilt es als nicht berauschend.

Das Interesse an CBN richtet sich vor allem auf den Bereich Schlaf, gestützt auf frühe Studien und Erfahrungsberichte. Die klinische Datenlage am Menschen ist jedoch noch dünn, und die verbreitete Behauptung, „CBN sei das Schlaf-Cannabinoid“, stützt sich größtenteils auf kleine oder präklinische Studien. Daneben zeigt CBN gewisses Potenzial als antibakterieller Wirkstoff.

Rechtliche Lage: In hanfbasierten Produkten grundsätzlich legal; unabhängig von THC nur selten eigens reguliert.

CBC (Cannabichromen)

In den meisten Cannabissorten ist CBC nach THC und CBD das dritthäufigste Cannabinoid, wenn auch oft nur in geringen Mengen vertreten. An CB1- oder CB2-Rezeptoren bindet es kaum, stattdessen wirkt es über andere Rezeptoren wie TRPV1 und TRPA1, die beide an der Schmerzweiterleitung beteiligt sind.

In präklinischen Studien wurden entzündungshemmende, stimmungsaufhellende und neuroprotektive Eigenschaften von CBC untersucht, besonders interessant ist es dabei im Zusammenspiel mit anderen Cannabinoiden (Entourage-Effekt). Wie CBG ist es beim Menschen bislang noch wenig erforscht.

Rechtliche Lage: Nicht eigens reguliert; in hanfbasierten Produkten legal.

THCV (Tetrahydrocannabivarin)

THCV ähnelt THC in seiner Molekülstruktur, besitzt aber eine kürzere Seitenkette, wodurch es anders mit CB1-Rezeptoren interagiert. In niedriger Dosierung wirkt THCV eher als CB1-Antagonist (es blockiert also Effekte), in höherer Dosierung eher als schwacher Agonist. Deshalb richtet sich das Interesse an THCV zunehmend auf mögliche Anwendungen bei Appetitregulation, Blutzuckerkontrolle und Gewichtsmanagement.

In den meisten Hanfsorten kommt THCV nur in sehr geringen Konzentrationen vor und spielt nennenswert eigentlich nur bei bestimmten afrikanischen Cannabissorten eine Rolle. Es zählt damit zu den Cannabinoiden, die sich nur schwer in größeren Mengen gewinnen lassen.

Rechtliche Lage: In manchen Rechtsordnungen unklar geregelt. Wegen seiner strukturellen Nähe zu THC steht THCV in mehreren Ländern unter besonderer regulatorischer Beobachtung.

CBDA und THCA: Die rohen Säureformen

Diese sauren Vorstufen (das „A“ steht für „Acid“, also Säure) rücken zunehmend auch als eigenständige Wirkstoffe in den Fokus, nicht nur als Zwischenprodukte. In präklinischen Modellen zeigte CBDA eine übelkeits- und angstlösende Wirkung, an bestimmten Rezeptoren womöglich sogar stärker als CBD selbst. THCA wiederum ist zwar in roher Form nicht psychoaktiv, zeigte in frühen Studien aber entzündungshemmende und neuroprotektive Eigenschaften.

Produkte, die die rohen Cannabinoidsäuren bewahren sollen, dürfen keiner Hitze ausgesetzt werden und werden meist anders gelagert als herkömmliche CBD Öle. Unsere Hanfblüten enthalten das vollständige Spektrum der Cannabinoidsäuren in ihrer natürlichen, unverarbeiteten Form.

5. Endocannabinoide: Die körpereigene Variante

Ein Grund, warum Phytocannabinoide so faszinierend sind, liegt darin, wie wirksam sie im menschlichen Körper agieren – und das liegt daran, dass unser Körper bereits über ein System verfügt, das um vergleichbare, selbst produzierte Moleküle herum aufgebaut ist.

Die beiden wichtigsten Endocannabinoide sind:

Anandamid (AEA)

Anandamid, benannt nach dem Sanskrit-Wort ananda für „Glückseligkeit“, war 1992 das erste Endocannabinoid, das entdeckt wurde – von einem Team um Raphael Mechoulam. Es bindet an CB1-Rezeptoren und spielt eine Rolle bei Stimmungsregulation, Gedächtnis, Schmerzempfinden und sogar bei den neurologischen Vorgängen des sogenannten „Runner’s High“, das Forscher heute eher Anandamid als Endorphinen zuschreiben.

Anandamid wird bei Bedarf gebildet und vom Enzym FAAH rasch wieder abgebaut. CBD hemmt FAAH und verlängert damit im Grunde die Zeit, in der Anandamid im Körper aktiv bleibt. Das gilt als einer der zentralen Mechanismen, über den CBD indirekt Stimmung und Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann.

2-Arachidonoylglycerol (2-AG)

2-AG kommt im Gehirn in deutlich höheren Konzentrationen vor als Anandamid und gilt als der wichtigste körpereigene Ligand für CB1- und CB2-Rezeptoren gleichermaßen. Es spielt eine zentrale Rolle bei Neuroprotektion, Appetitregulation und Immunfunktion. Abgebaut wird 2-AG durch das Enzym MAGL (Monoacylglycerinlipase).

Klinisches Endocannabinoid-Defizit (CECD)

Einige Forscher, allen voran Dr. Ethan Russo, haben die Theorie des klinischen Endocannabinoid-Defizits aufgestellt: die Hypothese, dass bei manchen Menschen das ECS chronisch unteraktiv ist und dies zu Erkrankungen wie Migräne, Fibromyalgie oder Reizdarmsyndrom beitragen könnte. Dabei handelt es sich bislang um eine Hypothese und keine anerkannte klinische Diagnose, sie liefert aber einen theoretischen Erklärungsansatz dafür, warum pflanzliche Cannabinoide manchen Betroffenen Linderung verschaffen könnten.

6. Synthetische Cannabinoide

Nicht alle Cannabinoide stammen aus Pflanzen oder aus dem eigenen Körper. Bei den synthetischen Cannabinoiden lohnt sich ein genauer Blick auf zwei sehr unterschiedliche Kategorien.

Pharmazeutische Synthetika

Anerkannte pharmazeutische Cannabinoide wurden gezielt zur Behandlung bestimmter Erkrankungen entwickelt. Dazu zählen Dronabinol (synthetisches THC, eingesetzt bei chemotherapiebedingter Übelkeit und AIDS-bedingtem Appetitverlust), Nabilon (ein THC-Analogon gegen Übelkeit) und Nabiximols (Sativex, ein standardisierter pflanzlicher Extrakt als Arzneimittel). Es handelt sich durchweg um verschreibungspflichtige, streng regulierte Medikamente, die unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden.

Gefährliche synthetische Cannabinoide

Oft als „Kräutermischung“ oder „Legal High“ unter Markennamen wie Spice, K2 oder Mamba verkauft, handelt es sich hierbei um völlig andere Substanzen: Sie sollen zwar die Wirkung von THC nachahmen, binden aber deutlich stärker und unberechenbarer an die Rezeptoren. In Verbindung gebracht wurden sie mit schweren Nebenwirkungen, Psychosen, Herzproblemen und Todesfällen. Mit Cannabinoiden aus Hanf haben sie nichts zu tun und sollten unter keinen Umständen mit ihnen verwechselt werden.

7. Der Entourage-Effekt

Eines der meistdiskutierten – und umstrittensten – Konzepte der Cannabinoidforschung ist der Entourage-Effekt: die Annahme, dass Cannabinoide, Terpene und andere Pflanzenstoffe im Zusammenspiel besser wirken als jede einzelne Substanz für sich.

Am eingehendsten ausgearbeitet wurde das Konzept von Dr. Raphael Mechoulam und Dr. Ethan Russo. Russos vielzitierter Aufsatz von 2011 im British Journal of Pharmacology argumentierte, dass die phytochemische Vielfalt von Cannabis Vollpflanzenextrakten ein breiteres therapeutisches Wirkspektrum verleiht als reinem CBD oder THC allein. Der Theorie zufolge modulieren und verstärken Terpene wie Myrcen, Limonen und Beta-Caryophyllen die Wirkung der Cannabinoide – Beta-Caryophyllen ist dabei bemerkenswerterweise selbst ein CB2-Agonist.

Was die Studienlage tatsächlich zeigt

Hier ist eine ausgewogene Betrachtung wichtig. Der Entourage-Effekt ist biologisch plausibel und wird durch eine Reihe präklinischer Studien an Tieren und Zellen gestützt. Belastbare klinische Studien am Menschen, die Vollspektrum-Extrakte direkt mit Isolaten vergleichen, sind jedoch nach wie vor rar. Mehrere Studien zur Epilepsiebehandlung setzten auf Vollpflanzenextrakte, und immer mehr Forscher unterstützen das Prinzip der pflanzlichen Synergie. Die pauschale Aussage, Vollspektrum sei für jede Person und jeden Anwendungsfall grundsätzlich einem Isolat überlegen, greift allerdings zu kurz.

Worauf sich die Wissenschaft weitgehend einigen kann, ist Folgendes: Die chemische Komplexität von Hanf ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile, und wer zugunsten von reinem CBD auf die weniger bekannten Cannabinoide und Terpene verzichtet, verzichtet womöglich auch auf potenziell nützliche Bestandteile.

8. Cannabinoide und der Körper: Was sagt die Forschung?

Im Folgenden ein ehrlicher Überblick, gestaffelt nach Evidenzgrad, über das, was die Wissenschaft derzeit belegen kann.

Starke klinische Evidenz

Am besten belegt ist der Bereich Epilepsie. Epidiolex (gereinigtes CBD) ist sowohl von der US-Arzneimittelbehörde FDA als auch von der europäischen EMA für das Dravet- und das Lennox-Gastaut-Syndrom zugelassen. In klinischen Studien reduzierte es die Anfallshäufigkeit im Vergleich zu Placebo deutlich – ein wegweisender Befund: ein Cannabinoid, das auf Basis von Phase-III-Studien als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen wurde.

Moderate, wachsende Evidenz

Angst gehört neben Epilepsie zu den am besten untersuchten Anwendungsgebieten. Mehrere kontrollierte Studien am Menschen zeigen, dass CBD Angstsymptome bei sozialer Angststörung, bei öffentlichem Sprechen und in Modellen generalisierter Angst reduzieren kann. Eine vielzitierte Studie von Shannon et al. aus dem Jahr 2019, veröffentlicht im The Permanente Journal, ergab, dass bei 79 % der Patienten die Angstwerte im ersten Monat der CBD-Einnahme sanken. Die Autoren betonen selbst, dass es sich um vielversprechende, aber vorläufige Ergebnisse handelt und randomisierte kontrollierte Studien noch ausstehen.

Schlaf hängt eng mit Angst zusammen, und mehrere Studien fanden unter CBD eine verbesserte Schlafqualität – besonders bei Patienten, deren Schlafprobleme auf Angstzustände zurückgingen. Als eigenständige Schlafbehandlung bei ansonsten gesunden Menschen ist die Evidenz für CBD dagegen schwächer.

Schmerz und Entzündung zählen zu den am häufigsten genannten Gründen für die Einnahme von CBD, und die präklinische Evidenz ist umfangreich. Die klinische Datenlage am Menschen wächst zwar, fällt aber uneinheitlicher aus. Mehrere Studien zeigten eine deutliche Schmerzlinderung bei chronischen Schmerzpatienten, und das Kombinationspräparat Sativex (CBD + THC) hat in klinischen Studien Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen und MS-bedingter Spastik gezeigt.

Frühe und präklinische Forschung

Neuroprotektion: In Zell- und Tiermodellen zeigte CBD neuroprotektive Eigenschaften bei Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Schädel-Hirn-Trauma. Studien am Menschen stehen hier noch ganz am Anfang.

Hauterkrankungen: Topisch angewendete Cannabinoide zeigten in der Akne- und Schuppenflechten-Forschung entzündungshemmende Wirkung, mehrere dermatologische klinische Studien laufen derzeit.

Sucht und Substanzgebrauch: Erste Hinweise deuten darauf hin, dass CBD bei Menschen mit Opioidabhängigkeit reizinduziertes Verlangen verringern kann. Eine doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie von Hurd et al. aus dem Jahr 2019, veröffentlicht im American Journal of Psychiatry, zeigte, dass CBD bei abstinenten Personen mit Heroinabhängigkeit reizinduziertes Verlangen und Angst deutlich reduzierte. Die Forscher beobachteten zudem einen Rückgang physiologischer Stressmarker wie Herzfrequenz und Cortisolspiegel.

Wichtiger Hinweis: Nach EU-Recht (und in den meisten anderen Rechtsordnungen) dürfen als Nahrungsergänzungsmittel verkaufte Cannabinoidprodukte keine konkreten medizinischen Aussagen treffen. Nichts auf dieser Seite ist als medizinischer Rat oder als Behauptung zu verstehen, dass Cannabinoide Krankheiten diagnostizieren, behandeln oder heilen. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte immer an eine qualifizierte medizinische Fachperson.

9. Arten von Cannabinoid-Extrakten

Für den Kauf von Cannabinoidprodukten ist diese Unterscheidung eine der praktisch wichtigsten überhaupt.

Vollspektrum Breitspektrum Isolat
CBD Ja Ja Ja
Weitere Cannabinoide Ja (CBG, CBN, CBC usw.) Ja (ohne THC) Nein
Terpene Ja Meist ja Nein
THC Spuren (bis 0,2 %) Nicht nachweisbar Keine
Entourage-Effekt Volles Potenzial Teilweise Keiner
Risiko bei Drogentests Gering, aber möglich Sehr gering Minimal
Geeignet für Maximaler Vollpflanzennutzen THC-empfindliche Personen Präzise Dosierung, Empfindlichkeiten

Vollspektrum-Extrakte bewahren das vollständige Profil an Cannabinoiden und Terpenen der Ausgangspflanze. Sie enthalten Spuren von THC, in legalen EU-Produkten in der Regel unter 0,2 %. Für die meisten Nutzer birgt dieser THC-Gehalt weder ein psychoaktives Risiko noch ein nennenswertes Risiko bei Drogentests – eine Garantie dafür gibt es aber nicht für jeden, insbesondere nicht bei sehr hohen Dosierungen.

Breitspektrum-Extrakte durchlaufen einen zusätzlichen Verarbeitungsschritt, der THC entfernt, während andere Cannabinoide und Terpene erhalten bleiben. Sie stellen den pragmatischen Mittelweg dar: Sie bewahren einen Teil des potenziellen Entourage-Effekts und begegnen gleichzeitig Bedenken gegenüber THC.

Isolat ist die reinste Form eines Cannabinoids, ganz ohne weitere Pflanzenstoffe. Es ist in der Regel geschmacks- und geruchsneutral und lässt sich dadurch leicht in andere Produkte einarbeiten.